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Fragen zu Nondualität
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Gesprächskreis Nondualität und Ichlosigkeit

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Auszug aus dem Buch "Problemzone Universum" von Dittmar Kruse:

1. Wozu noch Coaching?

2. Das torlose Tor

3. Und nun?

4. Und was mache ich jetzt damit?

5. Verpassen wir die Gegenwart?

6. Wie erlebt man ohne «Ich»?

7. Vorlieben und Abneigungen

8. Matrix

9. Hilfeleistung und Verantwortung

10. Ein paar Fragen tauchen auf:
Was ist Zweifel?
Wie gehe ich mit Entscheidungen um?
Kann die Astrologie den Lebensfilm zeigen?

11. Unsere Verantwortung
Das Ego kämpft

12. Ichlosigkeit als «Ich» -Konzept

13. Gelingt es Ihnen, immer bewusst zu sein?

14. Wissenschaftlich?

15. Ist ein energetischer Shift notwendig?

16. Wo bleibt die Freude?

17. Wozu über Nondualität reden?

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1. Wozu noch Coaching?

Sehr geehrter Herr Kruse,

mit Begeisterung habe ich Ihr Buch "Glück ohne Schmied" gelesen. Ja, was da steht, ist wahr, dies taucht auf. Dann gehe ich auf Ihre Webseite, was erfahre ich? Da werden die Schmiede wieder angesprochen, die etwas verändern können. Wie passt das für Sie zusammen?

Für eine Antwort bin ich dankbar, weil ich mich in dieser Zwickmühle befinde, da ich auch Kurse usw. anbiete mit der Ausrichtung "Dekonditionierung von Glaubenssätzen" – und gleichzeitig ist da niemand, der es tun soll.

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Diese Frage bekomme ich in letzter Zeit natürlich öfters mal gestellt: "Wie passt das zusammen – einerseits geschieht alles von selbst, andererseits geht es um Veränderung durch Coaching?"

Veränderung geschieht, aber nicht durch einen Schmied. Ich sehe die Arbeit als Coach auch nicht anders als zum Beispiel die Arbeit eines Friseurs oder Zahnarztes oder Golflehrers. Wenn man eine andere Frisur möchte oder Zahnschmerzen hat oder sein Handicap verbessern möchte, dann geht man zu jemandem, der einem da helfen kann. Und wenn man unter bestimmten Gedanken leidet oder irgendetwas lernen möchte, dann geht man eben zum Coach oder Therapeuten.

Eine neue Frisur führt nicht zur "Erleuchtung", sieht aber vielleicht besser aus. Das spielt keine Rolle und wird meiner Ansicht nach nur dann verwirrend, wenn man meint, man müsse an sich arbeiten, um das "Ich" loszuwerden oder so etwas. Meine Patienten kommen zum Beispiel mit Flugangst, und dann können sie entspannt fliegen (aber nur im Flugzeug). Sonst nichts.

Ein anderer Aspekt sind die "spirituell Suchenden" oder Menschen, die mit tiefenpsychologischen Theorien zu mir kommen: "Meine Mutter hat mich nicht geliebt", "Irgendwie gönne ich mir den Erfolg nicht", "Ich bin nicht in meiner Mitte", "Ich will mehr ich selbst sein", "Ich habe Minderwertigkeitsgefühle" und so weiter. Diese "tiefen" Themen lassen sich als "Mit mir stimmt etwas nicht" zusammenfassen, oder als "Ich kann mich nicht verwirklichen". Und diese Gedanken sind auch kein Wunder: Die Patienten sind nicht das Konzept, für das sie sich halten, daher können sie sich nicht "verwirklichen".

Da scheint mir, dass eine andere Sicht oder Einstellung sehr erleichternd wirken kann: Es sind halt alles Gedanken, die auftauchen und sich wieder verziehen. Na und? Das kann auch ohne "persönliche" Verwicklung geschehen, ohne Ernst und ohne Konsequenzen. Also kurz gesagt: Es kann enorm befreiend wirken, Gedanken als "nur Gedanken" zu erkennen, sie als Landkarte zu sehen, die nicht das Gebiet ist. Gerade dadurch scheint es oft nicht mehr nötig, dauernd am Relativen herumzudoktern.

Die Frisur verliert an Bedeutung, aber es spricht auch nichts dagegen, eine schöne Frisur zu haben (wenn man sich nicht gerade das Seelenheil von ihr erhofft). Und der Friseur (oder Coach) ist keine Person, sondern eine Erscheinung, eine Funktion oder eine Information, die auftaucht...

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2. Das torlose Tor

Besten Dank für Ihre Nachricht! Kurz nachdem ich meine Mail an Sie sendete, habe ich mich noch ein wenig mit der Frage nach Relativität und dem Absoluten auseinandergesetzt. Mir kommt spontan der Begriff des "torlosen Tores" aus dem Zen in den Sinn. Hab ich es durchschritten und schaue zurück, sehe ich, dass da gar kein Tor ist. Aber solange ich nicht hindurchgegangen bin, gibt es eben ein Tor. Ich frage mich daher, ob es nicht legitim ist, dem Suchenden auf halbem Wege entgegenzukommen, im Wissen, das letztlich beide Perspektiven Annäherungen und Modelle einer umfassenden Wirklichkeit darstellen, die in Worten eh nicht ausgedrückt werden kann.

Ihre Beschreibung der Interventionen auf relativer Ebene haben mir diesbezüglich auch mehr Klarheit und Einfachheit gebracht. Besten Dank für diesen pragmatischen Ansatz!

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Das mit dem "torlosen Tor" ist ein witziger Punkt. Es ist ja nicht nur so, dass da kein Tor ist (oder dass alles das Tor ist). Sondern es gibt auch niemanden, der es schießen – ich meine: hindurchgehen könnte oder müsste. Und diese Metapher vom Tor suggeriert: Du musst dich noch durchbewegen, das hier ist es noch nicht, es gibt noch etwas zu erkennen, zu erreichen, zu verstehen, zu tun.

Methoden und Techniken sind als Anti-Frustrations-Mittel natürlich heiß begehrt, aber sie unterstützen die Vorstellung, dass da wirklich ein "Suchender" ist (nicht nur ein Drang zu suchen), der nur ernsthafter oder weiser oder liebevoller suchen muss, dann … Insofern scheint mir das ein bisschen wie ein Hinhalten. Und wir kennen wahrscheinlich beide sehr viele Leute, die meinen, dass noch ein Weg vor ihnen liegt, dass sie noch nicht so weit sind …

Diese Illusion wird meiner Ansicht nach durch Empfehlungen bestärkt und gefördert: Fleißig studieren, hart an sich arbeiten (lassen), um auf dem Weg voranzukommen. Das kann trösten und motivieren, aber ein Weg bedeutet immer: Du bist noch nicht da. Das gibt dem "Ich" etwas zu tun – und hält die Illusion am Leben.

In unserer letzten Mail ging es ja auch um dieses Rumdoktern im Relativen, und ich meine: Alle Techniken, ob "spirituell" oder NLP, können im Relativen nützlich sein, aber fürs Absolute sind sie völlig egal: Sie können es nicht herbeiführen (denn es ist schon da); sie können es natürlich auch nicht verhindern. Aber wenn die Hoffnung auf Techniken gesetzt wird, dann wird übersehen, dass schon alles da ist. Und dann wird diese kleine Stimme ernst genommen, die sagt: "Das kann's aber nicht sein, das muss ganz anders aussehen" – statt dass sie als "nur so ein Gedanke" wahrgenommen wird.

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3. Und nun?

Okay, da ist die Erkenntnis von "Ich bin nicht der Besitzer meiner Gedanken." Ich kann wahrnehmen, dass sich dahinter etwas zeigt, was sehr vertraut ist und unveränderlich. Und nun?!

Im "Kurs in Wundern" wird gesagt, solange wir der Welt nicht vergeben haben, sind wir noch Gefangene dieser Welt. Denn erst dadurch löst sie sich auf und zeigt die Illusion. Wie siehst du das?

Und nun? Nichts! Bzw. alles!

Wenn Du erkennst, dass Du nicht der Besitzer Deiner Gedanken bist: Wo ist dann die Trennung zwischen "Dir" und "der Welt"? Was gibt es zu vergeben? Wer muss vergeben? Was muss anders werden? Was muss sich auflösen? Wer ist ein Gefangener? (Bin gespannt auf Deine Antworten!)

Dieses "Solange", dieses "Erst muss noch" – das ist die ewige Baustelle, die unendliche Geschichte.

Ja, danke für deine Antwort, so ist es!

Der vermeintliche Besitzer der Gedanken hat sich wieder mal Gedanken gemacht. Dieses Haar in der Suppe suchte ich bisher überall und jetzt stelle ich fest: Es gibt gar keine Suppe.

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4. Und was mache ich jetzt damit?

Dass kein Denker oder Macher oder Besitzer da ist, das sehe ich. Und was mache ich jetzt damit?

Das Interessante daran ist, dass man gar nichts damit machen kann. Diese Frage verknüpft Sie ja wieder mit einer Vorstellung, mit einem Selbstbild, das sich in Zukunft daran erinnert oder darauf achtet, dass es nicht existiert.

Es ist so, wie wenn ich Sie auf eine Blume aufmerksam mache: "Schauen Sie, da ist eine Blume!" – "Ja, und was mache ich jetzt damit?" – "Tja, nichts. Vielleicht gefällt sie Ihnen, sonst nichts." Sie müssen die Blume nicht pflücken, sich nicht an sie erinnern, nicht jeden Tag zu ihr zurückkehren.

Aber ich kann mich entspannt zurücklehnen und die Dinge geschehen lassen.

Wenn es so läuft, dann ja. Aber vielleicht kommen wieder mal Gedanken, die wütend machen. Wenn dann die Erinnerung ans Zurücklehnen auftaucht, und das Wissen, dass alles von selbst geschieht, und dadurch die Wutgedanken nicht mehr so ernst genommen werden, und die Wut nicht so stark ist, dann klappt es vielleicht mit dem entspannt Zurücklehnen. Wenn die Wut aber überkocht und viel Raum einnimmt und die Erinnerung blass bleibt oder gar nicht kommt, dann wird es sich nicht gerade wie entspanntes Zurücklehnen anfühlen. Aber trotzdem wird das alles ganz von selbst geschehen.

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5. Verpassen wir die Gegenwart?

Der Weg, der sich einem da öffnet, ist einerseits sehr schön, weil man richtig schön in das "Hier und Jetzt" eintaucht und mehr auf sein sinnliches Erleben achtet – auf der anderen Seite leider auch schmerzlich, da einem auffällt, wie oft man die Gegenwart verpasst.

Man kann es so beschreiben, dass man die Gegenwart verpasst, wenn man mit Gedanken-Inhalten beschäftigt ist. Man könnte aber auch sagen: In der Gegenwart sind halt jetzt Gedanken-Inhalte, und dass es "mehr" sinnliches Direkt-Erleben geben könnte oder sollte, ist auch nur ein Gedanke, nur eine Fiktion. Gegenwart ist, was geschieht. Und das schmerzliche Bemerken, wie oft Gedanken raumfüllend wirken, ist Gegenwart, und eine Rückorientierung zu den "äußeren" Sinnen.

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6. Wie erlebt man ohne «Ich»?

Gestern saß ich im Kino und sah mir eine wunderbare Schnulze an. Dabei habe ich geweint und gelacht und war total gerührt. Wie erlebt man so etwas ohne "Ich"?

Erleben geschieht immer ohne "Ich": Das "Ich" ist ja nur ein Gedanke, der einen Moment nach dem Erlebnis aufs Erleben draufgeklebt wird, und dem alles Mögliche zugeschrieben wird. Aber es ist und bleibt nur ein Gedanke, und Gedanken erleben nichts, sondern werden erlebt. Gedanken lachen nicht und weinen nicht und sind nicht gerührt. Und trotzdem ist alles da.

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7. Vorlieben und Abneigungen

Können sich Vorlieben und Abneigungen noch halten, wenn das "Ich" wegfällt oder als Illusion erkannt wird?

Ja, ich esse lieber einen frischen Apfel als einen verfaulten.

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8. Matrix

Vielen Dank für das Buch! Es hat das Potenzial, lebensverändernd zu wirken; ich habe es auch schon weiterempfohlen!

Und auch für die Kontrollfreaks unter uns (ich weiß gar nicht, wen ich meine :-)) hält es neue Wege bereit, was ich natürlich auch etwas beängstigend finde, denn wer gibt einfach so mal sein "Ich" auf? Abschnittsweise erinnern mich die "Theorien" an Matrix: "Versuch nicht, den Löffel zu verbiegen. Das wird nicht funktionieren, weil der Löffel nicht existiert."

Ja, "Matrix" fand ich auch interessant; der Unterschied ist: In Matrix lebten reale Leute in einer irrealen Welt, aber Neo ist auch nicht realer als der Löffel, beides sind Bilder im selben Film (weshalb auch niemand da ist, der sein "Ich" aufgeben könnte oder sollte).

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9. Hilfeleistung und Verantwortung

Wenn es niemanden gibt, wird dann Hilfeleistung nicht überflüssig? Was ist mit Verantwortung?

Es verschwindet ja niemand, der vorher da war; keine Person löst sich auf, sondern nur eine Vorannahme. Hilfsbereitschaft hängt nicht von Illusionen ab; Hilfe ist schon immer passiert.

Außerdem scheint mir nicht, dass der Glaube an ein eigenverantwortliches "Ich" die Welt vor Verbrechen geschützt hätte oder Hilfe besonders gefördert hätte. Einige Stichworte dazu: Rache, Ehrenmorde, Glaubenskriege … All das hat ohne "Ich" keinen Sinn. Helfen ist ein natürlicher Impuls, der von selbst auftaucht. Oder nicht.

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10. Ein paar Fragen tauchen auf

Erst mal vielen Dank für Ihr sehr klares und buntes Buch! Trotzdem tauchten am Schluss wieder ein paar Fragen auf: Was ist Zweifel? Wie gehe ich mit Entscheidungen um, wenn das "Aha" bei mir noch nicht aufgetaucht ist? Kann die Astrologie den Lebensfilm zeigen?

Vielen Dank für Ihre Zeit und ein lieber Gruß!

Was ist Zweifel?

"Zweifel" würde ich so beschreiben: Ein Gedanke taucht auf, gemeinsam mit einem Gefühl der Unsicherheit; oder zwei Gedanken tauchen auf, die im Widerspruch zueinander stehen, also widersprüchliche Inhalte haben (im Unterschied zu "Gewissheit", wo nur ein Gedanke auftaucht und ein Gefühl von Sicherheit mit sich bringt).

Zweifel sind eine natürliche Folge und Funktion des Denkens, das Dinge immer auch anders sehen kann und alles infrage stellen kann. Sicherheit fühlt sich "besser" an als Unsicherheit; daher sind Zweifel unbeliebt, und der Wunsch taucht auf, sie zu beseitigen.

Wenn Gewissheit im Denken gefordert wird (diese Forderung ist natürlich auch nur so ein Gedanke), dann äußert sich das meist in Dogmatismus und Fanatismus, im Unterdrücken anderer Sichtweisen – dabei liegt es ja (wie gesagt) in der Natur des Denkens, dass Dinge immer auch anders gesehen werden können! Zweifeln ist also nicht verkehrt, sondern eine Begleiterscheinung von Gedanken.

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Wie gehe ich mit Entscheidungen um?

"Entscheidung" heißt in meinem Sprachgebrauch: Unterschiedliche Gedanken tauchen auf, von denen sich dann einer durchsetzt. Das geschieht immer (ob "Aha" oder nicht) völlig ohne Zutun einer Person (auch wenn das Wort "Ich" in den Gedanken vorkommt und eine fiktive Person in verschiedene zukünftige Szenarien hinein projiziert wird). Entscheidungen laufen also nach dem "Aha" genauso ab wie vorher: von selbst, verbunden mit Zweifeln – höchstens mit dem Unterschied, dass die Entscheidungen nicht so ernst erscheinen. Denn es wird gesehen, dass es nie einen "Entscheider" gab, der die Last der Verantwortung für die "richtige" Entscheidung zu tragen hätte. Das gibt Vertrauen, dass die "richtige" Entscheidung sich schon treffen wird.

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Kann die Astrologie den Lebensfilm zeigen?

Lassen Sie uns mal schauen, was der Lebensfilm ist: einige Gedanken über die Vergangenheit, einige Schnappschüsse, die aneinandergereiht eine durchgehende Geschichte zu ergeben scheinen. In Gedanken stellt sich dieser Film schlüssig dar: "Und infolgedessen ist das passiert, und daraufhin …"

Diese "schlüssigen Zusammenhänge" gibt es nur im Denken (wobei auch immer der Gedanke auftaucht, ob "die Entwicklung" nicht mit etwas ganz anderem zusammenhängt); diese ganze Geschichte, dieser Lebensfilm spielt sich nur in Gedanken ab.

Im direkten Erleben gibt es keine Vergangenheit, sondern nur Gegenwart. Insofern (auf gedanklicher "Ebene") kann auch die Astrologie den Lebensfilm zeigen: Die Gedanken über die Planeten und ihre Bedeutung können genauso gut fiktive Zusammenhänge zeigen/erzeugen wie andere Gedanken auch. Ob "Weil mein Vater so streng war …", "Weil ich etwas lernen sollte …", "Weil ich in einem früheren Leben …", "Meine genetische Disposition …" oder eben "Weil Jupiter im zwölften Haus steht …" – Gedanken fügen sich immer gut zusammen, um den fiktiven Lebensfilm zu erklären.

Praktisch ist, dabei im Blick zu behalten, dass es sich immer um eine fiktive Erklärung einer Fiktion handelt und dass das direkte Erleben (was Sie gerade erleben) nicht erklärt werden kann, sondern immer einzigartig, immer ein Wunder ist. Sie sind eben nicht der Lebensfilm, der nur in Gedanken auftaucht, sondern das direkte Erleben, unerklärbar, einzigartig, ein Wunder. Daher können Sie niemals "die" Erklärung für sich finden.

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11. Unsere Verantwortung

Sie arbeiten ja auch als Therapeut. In mir schwelt schon länger die Frage, ob man nicht das Therapieziel "Freiheit von" zu einem "Leben in Freiheit" machen kann. Darf man am Punkt "gesund genug für die Gesellschaft" stehen bleiben? Eine Gesellschaft, die das Leben verkümmern lässt, auf Verdrängung, Angst und Gewalt fußt?
Wenn man sich den Zustand der Welt und des Menschen generell anschaut und sich nicht der Gleichgültigkeit überlässt (sondern begreift, dass man ein Teil der Menschheit und des Lebens ist), muss man sich denn dann nicht fragen, ob es noch andere Wege gibt zu leben? Und sorgen wir und unsere neurotischen "Ich"-Konzepte nicht permanent dafür, dass alles so bleibt wie es ist? Ist es nicht unsere Verantwortung uns frei von der Trennung zu machen, um ein Leben in Schönheit und Würde nicht nur als Traum zu verfolgen, sondern tatsächlich wahr zu machen?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

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Die Leute kommen oft zu mir in Therapie, um "Freiheit von …" (schlechten Angewohnheiten, quälenden Gedanken usw.) zu finden oder um etwas besser zu können (Lernen usw.). Das ist ja auch völlig legitim, so wie man halt auch zum Zahnarzt oder Fitnesstrainer geht, ohne dass der einem mehr als gesunde Zähne oder ein Fitness-Programm "verpassen" will.

Und manchmal (mit manchen Patienten) geht es darum, dass Freiheit viel mehr ist als Symptomfreiheit. Aber Leben in Freiheit, Leben als Freiheit bedeutet auch, dass alles frei auftaucht: Auch Verdrängung, Angst und Gewalt sind das Leben.

Diese Dinge lassen eher nach, wenn ihnen der "Ich"-Antrieb fehlt. Aber ein fiktives "Ich" als Verantwortlichen für sie auszumachen hieße, dieser Fiktion eine Macht zuzusprechen, die sie nicht hat. Es stimmt, dass Verdrängung, Angst und Gewalt oft aus Verwirrung entstehen, aus der Verwechslung mit dem Selbstbild. Nur ist all das eben auch das Leben, im freien Fall und in freier Entfaltung. Bewusstsein als Verwirrung. Der Gedanke "Es ist meine Verantwortung (mich von der Trennung frei zu machen)" ist der Treibstoff für die Illusion, es gäbe ein Wesen, das getrennt ist. Anders gesagt: Dieser Gedanke ist die Illusion. Und eng mit ihm verbunden ist der Gedanke: "Das hier kann es noch nicht sein, das ist mir nicht schön und würdevoll genug."

Innerhalb der Ganzheit des Lebens in all seinen Erscheinungsformen tauchen solche Gedanken auf, und es taucht auch ein Streben nach Schönheit und Würde auf. Das ist aber unabhängig von der "Ich"-Vorstellung.

Zwei Figuren aus der "Geschichte", die mir gerade einfallen: Che Guevara und Mutter Theresa. Bei beiden vermute ich eine relativ starke "Ich"-Überzeugung – und den Wunsch, dieses "Ich" in den Dienst einer größeren Sache zu stellen. Der Kampf für eine bessere Welt ist also nicht vom Erkennen der Ichlosigkeit abhängig. Und es gibt viele großartige Künstler, die sehr viel Schönheit in die Welt gebracht haben – und von ihrer Umgebung als selbstsüchtige, narzisstische Egozentriker beschrieben wurden (was dreimal dasselbe ist, ich wollte nur den Punkt verdeutlichen).

In gewisser Weise ist es also auch das Streben nach Freiheit vom "Ich" (wie jedes Streben nach etwas "anderem"), das den Blick auf die Schönheit verstellt, die schon da ist. Auch den Schmerz und die Hässlichkeit als Manifestation des Lebens zu sehen schließt ja Mitgefühl und Hilfsbereitschaft nicht aus, sondern fördert sie eher (nur dass es jetzt keinen "Schuldigen" mehr gibt). Nur das Sehen der Einheit, die allem zugrunde liegt (auch Scheiße ist "Es"), hebt den Anschein der Trennung auf. Das Leben tut sich weh, das Leben hilft sich.

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Ich möchte nochmal auf den Begriff der Verantwortung eingehen: Sie haben sie als gedanklichen Prozess beschrieben, der aus der (Illusion der) Trennung hervorgeht: "Ich muss bewusst leben", "Ich muss frei werden von Gewalt, Egoismus etc." Diese Verantwortung ist also Teil des Komplexes, Teil des endlosen Werdenwollens.

Ich verstehe unter Verantwortung allerdings etwas anderes. Ich begreife Moral nicht als tradierte Werte und Normen, die man sich kognitiv aneignet oder intellektuell ableitet. Für mich ist sie Ergebnis aus der unmittelbaren Begegnung mit der Welt. Wenn ich nicht in erster Linie über das "Ich"-Konzept mit meiner Umwelt in Kontakt trete, sondern die Gedanken nur als einen (untergeordneten) Teil meiner Wahrnehmung betrachte, bin ich Teil des Geschehens um mich herum. Jemand wird gequält – ich fühle mit ihm. Ich fühle seinen Schmerz und handle unmittelbar, damit es aufhört. Ich bin nicht getrennt von seinem Leiden, und ich bin nicht getrennt von der Aggression des Quälers. Ich bin Teil von ihnen – und deshalb handle ich. Selbst das Ignorieren, das Wegsehen ist eine Handlung. Wir handeln so oder so – die Frage ist nur, ob aus der Situation heraus, von Mitgefühl geleitet, oder aber gedanklich verzerrt, von der Situation abstrahiert. Das meine ich mit Verantwortung.

Sind Nationen nicht Resultat des teilenden Denkens bzw. der Identifikation mit diesem? Eine Nationalität ist konstruiert, die Gemeinsamkeit wird durch die Abgrenzung nach außen definiert. Ich kann nur dann Deutscher sein, wenn es einen Franzosen gibt, der anders ist als ich und meine Landsleute. Das Deutsch-Sein wird zum Teil meines "Ich"-Konzepts. Ich fühle mich isoliert, ich habe Angst vor der Zukunft, ich finde in meinen Beziehungen keinen Halt, darum konstruiert sich eine Identifikation mit der Nation. Sie verströmt ein Gefühl der Sicherheit. Genau wie alle klaren Definitionen "meiner" Beziehungen, Gruppen, Werte und meines Lebenskonzepts. All das macht Identität mit demjenigen, der sich mit ihr identifiziert – durchaus unbewusst, passiv – es geschieht mit ihm.

So war es bei mir auch. Durch die Beschäftigung mit dem Konflikt zwischen der starren und begrenzten Identität und der unbegrenzten, im ständigen Wandel befindlichen Welt stieß ich schließlich auf die Erkenntnis, dass "ich" das Problem bin/ist. Und das veränderte die Art und Weise meines Erlebens. Auf einmal war da Schönheit und die Angst vor dem Unbekannten trat zurück. Die Schönheit musste nicht hergestellt werden, sie war bereits da. Jedoch konnte ich sie erst wahrnehmen, als die Gedankenmaschine als das erkannt wurde, was sie ist: ein Plappermaul, das die Stille übertönt. Es ist bereits alles da, das Wunder geschieht jeden Augenblick (ist das Leben letztlich nur ein einziger Augenblick?).

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Früher war ich politisch sehr aktiv. Der Kampf wurde zur Identität, das Böse war rasch definiert, das Ziel bald formuliert. Heute erscheint mir vieles hysterisch und am Kern der Sache vorbei, doch der Gegenstand der Empörung ist geblieben: eine Menschheit, die es nicht begreift, dass die Trennung nicht besteht – und sich so das Leben im Paradies zur Hölle macht. Und wenn wir weiter so konsequent unsere Lebensgrundlage zerstören, hat sich das Kapitel Menschheit auch bald komplett erledigt.

Wir leben in einer unglaublich beschleunigten und rasanten Epoche. Allein der Klimawandel wird zur Bedrohung von Milliarden Menschen. Woher kommt die Gleichgültigkeit? Was ist ihr Ursprung? Warum scheint es niemanden zu interessieren, was mit unserem "Nächsten" passiert? Warum machen wir so weiter?

Letztes Jahr habe ich Auschwitz besucht. Der Holocaust ist tatsächlich passiert, ich war in den Baracken. Ich stand an derselben Stelle, an der Dr. Mengele lebenswertes von lebensunwertem Leben getrennt hat. Wie können Menschen derart abgeschnitten sein von ihrer Empathie? Worauf gründen solche Organisationen, solche Hierarchien, diese Machtapparate? Ist es der Gedanke, das Werdenwollen, die Identität? Ist der "Ich"-Gedanke so mächtig? Mein Eindruck ist: Ja, ist er. All das ist Realität. Und wir sind Teil dieser Realität. Wie kann es ein teilnehmendes, empathiefähiges Wesen kalt lassen? Warum reagieren wir nicht? 

Warum sind Sie Therapeut geworden, warum schreiben Sie Bücher über die Enttarnung des "Ichs"? Sie möchten die Erkenntnis teilen, stellen Sie anderen Menschen zur Verfügung. Warum? Ist es ein rein theoretisches, wissenschaftliches Interesse, oder kann man damit gutes Geld verdienen? Ich formuliere absichtlich provokativ, ich würde gerne etwas von Ihrer Leidenschaft herauskitzeln :)

Tatsächlich laufe ich mit offenen Augen und Ohren und einem wachen Geist durch diese Welt, und wenig gibt mir Grund zum Optimismus. Ich bin betroffen, da ich nicht zu trennen bin vom Rest. Und das menschliche Leid ist bodenlos, es ist überall, man kann es spüren. Genauso die Antriebslosigkeit, die Taubheit der Menschen für dieses Leid. Es macht mich betroffen, und es entzündet eine Flamme, die sich dagegen auflehnt. Ich betrachte das Ganze und stelle fest, dass nicht die Weisheit, nicht die Vernunft regiert, sondern die schlimmsten Egomanen. Wo sind diejenigen, die dem etwas entgegensetzen? Nicht in der Manier eines Che, nicht als Aggressor. Sondern in der Zuwendung, in dem Angebot: "Komm, ich zeige Dir etwas!" Es gibt zu wenige dieser Menschen.

Und wie erziehen wir unsere Kinder? Wenn ich mich umsehe, überkommt mich ein eisiges Grausen …

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Auch mir scheint, dass Hilfsbereitschaft und Mitgefühl im Menschen "eingebaut" sind und dass entsprechendes Handeln ein natürlicher Impuls ist, der von Trennungs-Gedanken überlagert werden kann. Gleichzeitig können solche Gedanken aber auch zu mehr Hilfsbereitschaft führen, eben aus dem Wunsch heraus, das Gefühl von Isolation zu überwinden, indem man sich in den Dienst des "Nächsten" oder des "größeren Ganzen" stellt (wie Mutter Theresa).

Das Thema "Gewaltlosigkeit" erinnert mich an die Gewissensprüfung für Wehrdienstverweigerer: "Stellen Sie sich vor, ein bewaffneter Terrorist (zu meiner Zeit war's noch ein Russe) will einen Kindergarten stürmen, um alle Kinder zu töten – und Sie haben eine Waffe, mit der Sie ihn erschießen könnten, um dreißig unschuldige Kinder zu retten. Würden Sie schießen?" Das ist schwierig zu beantworten (vor allem, wenn man die Prüfung bestehen will); der nächste Schritt wäre: "Hätten Sie Hitler getötet, wenn Sie Gelegenheit dazu gehabt hätten?" – und schon sind wir bei Che Guevara …

Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie, dass die Erkenntnis der Ichlosigkeit auch zu einem politischen/sozialen Handeln führen muss. Ich würde sagen: kann, muss aber nicht. Es kann auch ein ganz "gewöhnliches", völlig unauffälliges Leben sein, mit Bürojob und Feierabend vor dem Fernseher, ohne jeden Drang, den Leuten etwas zu zeigen …

"Gleichgültigkeit" kann eben auch bedeuten: Alles ist gleich gültig, was auch geschieht. Nichts muss sich ändern, denn es gibt kein "Ich", das von der Wirklichkeit getrennt wäre.

Ich habe großen Respekt vor sozial engagierten Menschen, Umweltschützern, Entwicklungshelfern. Mir scheint nur nicht, dass diese Impulse (oder Empfindungsfähigkeit an sich) so viel mit der Erkenntnis der Ichlosigkeit zu tun haben: Ich kenne "Leute", die deutlich hilfsbereiter sind als ich – und ziemlich überzeugt sind von ihrer getrennten Existenz …

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Was ich mit "Ichlosigkeit" meine, ist etwas anderes als "Wir sitzen alle in einem Boot." Diese "Boot"-Einstellung würde ich das Verständnis systemischer Zusammenhänge nennen, oder das Erleben von Verbundenheit, etwa so, wie es Francisco Varela in seinen letzten Texten beschrieben hat, oder Peter Senge in "Presence" oder Claus-Otto Scharmer in "Theory U": ein kleines "Ich", das bedingt durch seine Umwelt und vernetzt mit allen anderen Wesen ist und ein Kanal für das Ganze werden kann. Was ich aber mit "Ichlosigkeit" meine, ist nicht "Wir sitzen alle im selben Boot", sondern "Niemand sitzt im Boot." Es ist nicht der Gedanke "Ich bin Teil eines größeren Ganzen", sondern "Es gibt keinen Teil, nur das Ganze."

Die Schönheit, von der Sie schreiben: "Sie ist bereits da, sie muss nicht hergestellt werden …" – ist da, egal als was sie erscheint. Sie ist das Ganze. Sie ist ebenso in dem Gedanken "Ich bin ein getrenntes Wesen, das sich abstrampeln muss" wie in dem Gedanken "Wir sind alle eins, hoffentlich erkennen das alle" und dem Gedanken "Wir müssen die Welt retten." Es scheint ziemlich dringend und auch wirklich sinnvoll, etwas zu tun, zum Beispiel für die Umwelt oder gegen die Überbevölkerung, nur ist das alles im Spiel der Erscheinungen beheimatet, und die grundlegende Schönheit – oder der Friede, in dem alles auftaucht – ist nicht gefährdet.

Noch was zum Thema "Warum sind Sie Therapeut geworden, warum schreiben Sie Bücher?" – Ich kann nur sagen: Ich weiß es nicht. Ich kann verschiedene Theorien dazu anbieten, von "Ich kann's halt" über "Es macht mir Spaß" zu "Es wollte raus", aber eigentlich ist es halt einfach so gekommen. Ich freue mich, wenn Patienten "Einsichten" haben, aber es ist genauso in Ordnung, wenn sie einfach nur mit dem Rauchen aufhören oder ihre Wohnung in Ordnung halten können. Was mir wirklich heilsam erscheint, ist, dass ich mit dem Patienten das Spiel der (widersprüchlichen) Gedanken und Gefühle betrachte und es vielleicht spürbar wird, dass niemand darin verwickelt ist und niemand etwas falsch macht, sondern dass sich das alles von selbst abspielt. In dieser Klarheit entwirren sich die Gedanken und sortieren sich von selbst; vor allem verlieren sie ihren Wahrheitsanspruch, ihre Bedeutsamkeit, ihren Ernst. Das ist schön zu sehen, aber es hat nichts mit Sendungsbewusstsein zu tun. (Ich würde sagen, dass ich früher, als ich an "mich" geglaubt habe, deutlich mehr missionarischen Eifer hatte.)

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Das Ego kämpft

Vielen Dank für Ihre Geduld und Nachsicht mit einem jungen Heißsporn! :-)

Ich versuche nachzuvollziehen, was Sie mir sagen wollen und es scheint auch ziemlich viel Sinn zu machen. Diese Gedanken überhaupt erst mal annehmen zu können ist für mich ein unheimlich schwieriger Prozess, da einige Thesen sofort sämtliche Widerstände in mir auslösen, die sich über die Jahre dort aufgebaut haben. Und es sind genau diese Widerstände, die das Gefühl des Getrenntseins festigen und andauern lassen. Sie sind Teil des Egos, das sich eine andere Welt wünscht, eine Welt, in der ich mich endlich wieder zu Hause fühlen darf.

Doch habe ich das Gefühl, dass dieses Ego auch in der perfekten Welt (bzw. Gesellschaft) nicht aufhören würde zu kämpfen und zu zappeln. Ich habe einige Moralvorstellungen so tief verinnerlicht, dass ich gar nicht mehr ohne sie die Welt wahrnehmen kann. Immer denke ich Auschwitz mit, und immer ist da dieses Feuer der Nichtakzeptanz mit dem Gedanken an den nicht endenden Holocaust verbunden. Es scheint ein nicht aufhebbares Paradoxon zu sein: Nur durch Nichthandeln wird sich Frieden einstellen können in meinem Leben. Nur wenn ich endlich aufhöre, in einem nie endenden Krieg das Böse bekämpfen zu wollen, wird die Wut verschwinden oder sich in positive (spielerische, kreative?) Energie verwandeln. Nur ist das so schwer zu akzeptieren, da sich meine ganze Existenz bzw. Identität darauf aufbaut. Das ganze schöne Selbstbild des moralischen Einzelkämpfers steht auf dem Spiel, und da konnte ich mich immer so schön dran festhalten …

Kennen Sie das System des Enneagramms? Es beschreibt neun verschiedene Persönlichkeitstypen mit ihren jeweiligen Konflikten und Potenzialen. Ich zähle mich zum Enneagramm-Typ 1. Heute las ich in einem Buch über "meinen" Typ und es war wie in den Spiegel zu blicken. Unfassbar. Absolut entwaffnend und gleichzeitig ermutigend. Es schlägt in genau die gleiche Kerbe wie Sie es tun, und anscheinend ist das genau der wunde Punkt. Vielleicht ist es an der Zeit, ein Bild sterben zu lassen.

Ich danke Ihnen für Ihre Worte.

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Klar, das "Ich" fühlt sich nicht zu Hause in der Welt. Vielleicht können Sie aber sehen, dass die Welt in Ihnen zu Hause ist. Am Kämpfen ist nichts verkehrt (auch wenn Entspannung sich vielleicht besser anfühlt). Das ist eine Aktivität in der Welt, eine Funktion, die ausgeführt wird; das ist, was das Leben tut (in Gestalt von Aktivisten und manchmal in Gestalt von Ihnen).

Engagement ist Teil des Lebens (Passivität auch). Frieden stellt sich nicht durch Nichthandeln ein; es geht nicht um Tun oder Lassen. Vielleicht wird der Frieden – der Sie sind – leichter sichtbar/spürbar, wenn Wut und Nichtakzeptanz und der ganze Aufruhr nicht mehr als persönliche Fehler, sondern als Teil des Geschehens gesehen werden. Es gibt keine Trennung zwischen Wut und Welt und Ihnen.

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Ja, das Enneagramm kenne ich, ich habe ca. 1985 auch mal einen 2-Wochen-Intensivkurs dazu besucht. Es kann Spaß machen (oder erschrecken), Fixierungen zu analysieren und einzuordnen. Nur kann das auch den Glauben daran stärken, dass es "Ihre eigenen" Fixierungen sind, und daran, dass diese Fixierungen verschwinden müssten, "bevor" … Vielleicht kann das Enneagramm aber auch Mechanismen aufzeigen – und per Definition läuft ein Mechanismus ja mechanisch ab, automatisch, ohne jemanden, der etwas tut. Wenn gesehen wird, dass es nichts Persönliches ist, dann haben solche Muster ja etwas Witziges; Karikaturen, Parodien und so weiter beruhen ja auf diesen "Eigenheiten".

Das Gemeinsame an allen "Persönlichkeitstypen" ist die Vorstellung "Etwas stimmt nicht" (mit "mir", "den anderen" oder "der Welt"). Zuerst hatten Sie den Gedanken "Die Welt muss sich ändern", jetzt ist es der Gedanke "Ich muss mich ändern" (Loslassen, Akzeptieren, Aufhören, Erkennen, …). Aber an Ihnen ist nichts verkehrt.

Alle Reaktionsweisen sind Erscheinungsformen des Lebens – inklusive Akzeptieren und Nicht-Akzeptieren. Der Gedanke "Ich muss x ändern" ist es, der die "Ich"-Vorstellung am Leben erhält, indem er dem "Ich" eine Zukunft verspricht, in der es besser wird, und dem "Ich" die Macht zuspricht, sich selbst zu ändern – zum Beispiel sich selbst aufzulösen. (Schon mal vorbeugend: Auch der Gedanke "Ich muss aufhören, mich ändern zu wollen" ist "Es".)

Ein Mechanismus, der oft auftritt, ist: Wenn das "Ich" transparenter wird, dann gibt es Alarm. Viele Knöpfe werden gedrückt, viele Muster berührt. Dieser Aufruhr wird leicht als "Etwas stimmt nicht" interpretiert, und das Denken tut das, worin es Profi ist: Es sucht den Fehler. Dabei ist der Aufruhr nur eine Begleiterscheinung dessen, dass der "Ich"-Glaube ins Wanken gerät – diese Unsicherheit, die da aufkommt, fühlt sich wohl nicht gerade wie Frieden an. Aber das alles ist völlig in Ordnung, der natürliche Lauf der Dinge.

Was Sie wissen, ist, dass Sie kein Mechanismus sind, keine Person, kein "Ich" – sondern das Zuhause für alles, was auftaucht. Wenn der Versuch auftaucht, etwas zu ändern, dann sind Sie das Zuhause für den Versuch, etwas zu ändern. Das ändert sich nie.

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12. Ichlosigkeit als «Ich» -Konzept

Die Gedanken sind ja auch nicht doof – auch die Überführung des "Ichs" können sie sich zur Theorie machen, zur Brille, durch die man dann schaut. Das "Ich" verurteilt das "Ich" – und sorgt so für seinen Fortbestand. Es macht die Ichlosigkeit sozusagen zum "Ich"-Konzept.

Es würde mich interessieren, was Sie dazu sagen.

Genau, das beschreiben Sie sehr treffend! Das Ichlosigkeits-Konzept ist auch nur ein Konzept, so wie das "Ich". (Bei genauer Betrachtung sind es sogar sehr ähnliche Konzepte!) Nur besteht das "Ich" einzig und allein aus dem "Ich"Konzept, aber die Ichlosigkeit ist immer Tatsache, völlig unabhängig davon, ob es ein Konzept darüber gibt oder nicht. Sich zu bemühen, dem Ichlos-Konzept zu entsprechen, ihm entsprechend "korrekt" zu erleben und zu handeln: Das ist nur wieder das "Ich"-Konzept, getarnt als Ichlosigkeits-Konzept.

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13. Gelingt es Ihnen, immer bewusst zu sein?

Lieber Dittmar Kruse,

soeben habe ich Ihr Buch "Glück ohne Schmied" zu Ende gelesen. Auf der letzten Seite bitten Sie den Leser um Feedback, und das gebe ich Ihnen gerne.

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mich momentan sehr entspannt und "im Reinen" mit der Welt fühle. Das Leben ist da, bleibt da und "ich" darf daran teilnehmen. Was für ein Wunder das doch ist!

Ich fand die Lektüre Ihres Buches wirklich sehr erhellend. Wie schön zu sehen, dass die wirklich wichtigen Dinge keiner großen Worte bedürfen, keiner ausschweifenden, schwer verständlichen Fachsprache, die den Autor als klugen Kopf darstellen soll. Toll auch, wenn man die Worte als das annehmen kann, was sie sind: abstrakte Übereinkünfte, die im besten Fall ein Fingerzeig sind auf das, was schon da ist. Schön, wenn das, was ich schreibe, auch in diesem Sinne angenommen wird und nicht automatisch zu einem starren Bild führt.

Die letzten anderthalb Jahre habe ich mich sehr intensiv mit Jiddu Krishnamurti auseinandergesetzt, und auch da gab es ähnliche Aha-Erlebnisse: Das Wort ist nicht der Gegenstand, der Gedanke erzeugt die Illusion des "Ichs", und auch die Zerstückelung von Raum und Zeit. Doch das theoretische Wissen ist noch nicht die Lösung. Die Fähigkeit, auf das Konstrukt des "Ichs" zu verzichten, geht weit über die Theorie hinaus.

Wie schwer fällt es mir, aus alten Mustern und Verkrustungen herauszukommen, wenn ich im "gewohnten Umfeld" unterwegs bin, das sich schon ein Bild von mir gemacht hat und über dieses mit mir in Kontakt tritt! Die Falle, sich mit den Erwartungen, Angriffen oder Projektionen zu identifizieren, wartet ständig darauf, zuschnappen zu können. Gerade wenn ich müde oder unausgelastet bin, oder schlecht geschlafen habe, passiert es nur allzu leicht, sich gegen das, was ist, zur Wehr zu setzen – und dabei nur Unheil anzurichten.

Oft suche ich das Alleinsein bei langen Spaziergängen durch den Wald und das Tal – dort kann ich ohne Erwartungen in dem, was ist, einfach nur sein. Gelingt es Ihnen denn, immer so bewusst und wach zu sein?

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Ganz grundsätzlich möchte ich zuerst mal sagen: Es gibt kein "Ich", egal ob ans "Ich" geglaubt wird oder nicht.
Auch wenn sich die "Muster und Verkrustungen" zu einem Bild zusammenfassen lassen, das dann "das Ich" genannt werden kann, bleibt das trotzdem eine Abstraktion: ein Bild, kein Wesen, nichts Reales.

"Die Falle, sich mit den Erwartungen, Angriffen oder Projektionen zu identifizieren" besteht auf beide Arten: dem Bild, das sich die Umwelt von "mir" gemacht hat, und dem Bild, das "ich mir" von der Ichlosigkeit gemacht habe – den Erwartungen an die Ichlosigkeit: "Wenn ich kein 'Ich' hätte, dann gäbe es keine alten Muster und Verkrustungen, und ich würde mich nicht zur Wehr setzen."

Ichlosigkeit ist nicht Heiligkeit, nicht die Abwesenheit von Mustern und Reaktionen. Was vielleicht sichtbar wird, ist, dass Muster und Reaktionen ganz von selbst ablaufen, ohne jemanden, der sie wählt oder einsetzt. So ist das, ob nun ein "Ich" auf diese Muster projiziert wird oder nicht. Die "Ich"-Vorstellung besteht ja aus Verbesserungsvorschlägen und ist der Wunsch, "besser, weiter, liebevoller, sanfter, bewusster …" zu werden.

Gelingt es mir, immer bewusst und wach zu sein?
Es gibt niemanden, dem das gelingen könnte, sondern da ist immer Bewusstsein, immer Wachheit. Bewusstsein in Gestalt eines Waldes, Bewusstsein in Gestalt von Gedanken … Alles, was Sie gerade erleben, ist Bewusstsein als … (Buchstaben, Monitor, Blinzeln, Atem …) Alles, was Sie sind, ist Bewusstsein. Damit ein Muster (oder sonst etwas) auftauchen kann, muss Wachheit da sein. Bewusstsein als Muster, Bewusstsein über das Muster, Bewusstsein als der Gedanke "Dieses blöde Muster!" Die Verteidigungsmechanismen lassen natürlich (meistens) nach, wenn gesehen wird, dass nichts angegriffen wird, also auch nichts verteidigt, nichts erreicht oder aufrechterhalten werden muss. Aber wie Sie sagen: "Das Leben ist da, bleibt da" – völlig unabhängig davon, ob ein Mechanismus auftritt oder nicht. Das ist das Leben auch als Mechanismus, unbeeinträchtigt von seinen eigenen Erscheinungsformen.

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14. Wissenschaftlich?

Intuitiv fühle ich (oder sehe ich), dass wahr ist, was in "Glück ohne Schmied" steht. Aber ist es auch wissenschaftlich haltbar?

Die Frage von "Glück ohne Schmied" ist die Grundfrage der Phänomenologie: Was wird unmittelbar, ohne Theorien und Vorannahmen erlebt? Dieser Ansatz gewinnt (nicht nur) in der Bewusstseinsforschung zunehmend an Bedeutung. Und schon seit dem 19. Jahrhundert gibt es ein eng verwandtes Grundprinzip aller wissenschaftlichen Methodik, nämlich "Ockhams Rasiermesser", das besagt: Die Erklärung, die am wenigsten Vorannahmen verwendet, ist die beste. Daher beschäftigt sich die Wissenschaft zum Beispiel nicht mehr mit Dämonen – weil sie ihre Existenz nicht mehr voraussetzt. Ein Ziel der Wissenschaft ist es, Theorien von unnötigen Vorannahmen und Vorurteilen zu bereinigen und "Phänomene" mit einem unvoreingenommenen Blick zu betrachten. In diesem Sinne ist die Untersuchung des (normalerweise vorausgesetzten) "Ichs" wissenschaftlich. Und im Sinne von Ockham stellt sich die Frage, ob das "Ich" als Erklärungsmodell wirklich nötig ist: Was kann ohne die Annahme eines "Ichs" nicht beschrieben oder erklärt werden? Was funktioniert nicht ohne "Ich"?

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15. Ist ein energetischer Shift notwendig?

Hallo lieber Herr Kruse, ein wunderbares Buch!

Ich kann sehen, dass "ich" nur ein Konzept ist. Jedoch ist das Gefühl so stark in den Zellen gespeichert, ein "Ich" zu sein oder zu haben. Auch Tony Parsons sagt hierzu, dass alle Konzepte oder Thesen darüber nicht hilfreich sind.

Mich interessiert Ihre Meinung zum Körper bzw. Körpergefühl. Ich weiß, dass daran nichts falsch ist; jedoch denke ich, dass es einen energetischen Shift geben muss, damit die Körperidentifikation abfällt und klar gesehen werden kann, dass NIEMAND zuhause ist. Vielleicht haben Sie ja mal Gelegenheit, hierzu Stellung zu nehmen.

Lieben Dank und schönen Tag!

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Freut mich, dass Ihnen das Buch so gut gefällt; vielen Dank auch für die interessante Frage!

Ja, ein Ichlosigkeits-Konzept auf das "Ich"-Konzept drauf zu schichten ist nicht hilfreich. Also schauen wir mal, ob wir ohne Konzepte auskommen können, und schauen, was wir wirklich erleben, ganz direkt. Das heißt, wir verzichten gleich mal auf das Konzept von Zellen, in denen etwas gespeichert ist – wir erleben ja keine Zellen und auch nichts Gespeichertes.

Was wir erleben sind Sinneseindrücke: Buchstaben, Licht, Farben, Klänge, Gefühle … Zum Beispiel die Berührung der Tastatur oder das Gewicht auf dem Stuhl – und die sogenannten inneren Gefühle: hier ein Ziehen, da ein Drücken, dort ein Pulsieren, Wärme, Strömen …

All das ist Energie in verschiedenen Erscheinungsformen, die sich ständig verändern und verwandeln: permanente energetische Shifts. Der Energiefluss ist konstant; die Sinneseindrücke, als die er sich manifestiert, shiften unaufhörlich. Was in dem Ganzen könnten wir jetzt "Ich" nennen – unter Ausschluss von etwas anderem? Was könnten wir da herausgreifen, isolieren, abstrahieren, als etwas Konstantes betrachten? All diese Empfindungen, die Sinneseindrücke sind auch ohne ein "Ich" da; nichts davon würde ohne ein "Ich" verschwinden. Was also soll verschwinden?

Schauen wir mal die "Körperidentifikation" an: Ein Körper braucht zum Überleben und zur Orientierung in der Welt einen Sinn für Lokalisierung. Er muss wissen, in welchen Mund er das Essen schiebt; er muss dem Auto, das auf ihn zukommt, ausweichen (statt zu sagen: "Auto, Körper … ist doch eh alles eins, aua!"). Die Lokalisierung bleibt also auch ohne "Ich". Und auch das soziale "Ich", die soziale Rolle muss bleiben: "Wer hatte den Kaffee bestellt?" – "Ich." (Sonst kommt man ja nie an seinen Kaffee!)

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Jetzt zum "Körpergefühl": In gewissem Sinne ist ja alles Erleben körperlich; das Fühlen von Wind auf der Haut unterscheidet sich nicht wesentlich vom Hören des Windes, vom Anblick der Wolken und vom Duft der Frühlingsluft (kleine poetische Einlage). Nichts an diesen Empfindungen ist vom Wesen her anders als das Gefühl von Freude über den Frühling, von Wehmut beim Gedanken an Schatzi, mit dem man im letzten Frühjahr noch zusammen war, und als das Gefühl von Hunger.

Sie schreiben: "Ich kann sehen, dass 'Ich' nur ein Konzept ist." Wie sehen Sie das, woran sehen Sie das? Meinen Sie damit, dass sie das intellektuell verstehen, oder meinen Sie ein Sehen unabhängig vom Denken? Ich vermute, Sie kennen (zum Beispiel in einem Satsang oder im intensiven Zusammensein oder in der Natur oder einfach so) dieses Empfinden von Unendlichkeit, von Weite, Tiefe, Stille, Frieden, Liebe. Diese ganz unmittelbare Präsenz, die ohne Konzepte sieht und in der das "Ich"-Konzept belanglos ist. Wenn das Denken mal aussetzt (oder nicht geglaubt wird), dann wird sofort dieser eine Urgrund spürbar, in und auf dem sich alles Erleben abspielt. (Sagen wir mal, das ist der energetische Shift, über den Sie geschrieben haben.) Ja, im Erleben von Weite, Tiefe, Stille, Frieden und Liebe ist es leicht zu sehen, dass da kein "Ich" ist.

Aber wie ist das im Erleben von Enge, Flachheit, Lärm, Stress und Ärger? Diese Gefühle tauchen ja auch ohne "Ich" mal auf; das Leben wird ja kein Spaziergang auf rosa Wölkchen, nur weil eine Illusion durchschaut wird. Wenn aber die "Ich"-Illusion durchschaut wird, dann werden die Gefühle nicht mehr auf ein imaginäres Zentrum bezogen, für das sie eine besondere Bedeutung hätten. Sie sagen nichts mehr über "mich" aus.

Solange das "Ich"-Konzept – die Vorstellung eines isolierten, eigenmächtigen Zentrums – geglaubt wird, hat es auch "energetische Auswirkungen": Das "Ich" ist ja nicht nur ein Selbstbild – das ist nur der visuelle und eher kognitive Aspekt. Im Gefühlsbereich manifestiert sich der "Ich"-Gedanke mehr wie ein Greifreflex, als die fast ständige Bereitschaft einzugreifen, etwas herauszugreifen, etwas zu begreifen und festzuhalten. Dieser imaginäre Abstand, der zum Erleben gehalten wird, diese Bereitschaft zu handeln, etwas mit dem Erleben zu machen, um es zu verbessern, ist eher spürbar als sichtbar, eher ein Gefühl als ein Bild, kein einzelner Gedanke, sondern eine Grundhaltung.

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Wenn das Erleben auf ein "Ich"-Zentrum bezogen wird (das ja eigentlich nur eine imaginäre Instanz, eine imaginäre Distanz zum Erleben ist), dann erweckt das den Anschein einer Spaltung zwischen "Innen" und "Außen". Im "Innen" entsteht ein Gefühl von Unvollständigkeit, Unvollkommenheit, Unzulänglichkeit – und Vorstellungen darüber, was sich ändern müsste, damit "ich" vollkommen werde. (Wenn erkannt wird, wie viel Anspannung, Mühe und Ernst diese Haltung mit sich bringt, dann taucht derselbe Impuls gerne in Form des Plans auf, das Nichtgreifen festzuhalten, sich am Loslassen festzuhalten, sich daran zu halten – und das "Ich" zieht spirituelle Kleider an.)

Wenn der "Ich"-Gedanke durchschaut wird, dann wird sichtbar, dass er nie ein wirklicher Bezugspunkt, sondern immer nur eine Vorstellung gewesen ist, die mit einem Gefühl von Zusammenziehen und Anspannung einherging. Dann muss auch diese Anspannung nicht verschwinden – sie ist nur einfach kein schlechtes Zeichen mehr, kein Symptom, keine Aussage über "mich", sondern dasselbe Erleben wie Licht, rosa Wölkchen und Hunger. Und in dieser Erlaubnis und Gleich-Gültigkeit löst sich die Anspannung ganz natürlich auf, sie entspannt sich, weil sie da sein darf.

Diese Art, über die Ichlosigkeit in Begriffen von "Vorher und Nachher" zu reden, kann auch leicht zu Verwirrung und Missverständnissen führen: Der Punkt ist ja, dass es schon jetzt kein "Ich" gibt, sondern "schlimmstenfalls" ein Konzept, das geglaubt wird.

Nichts ist für die Wirklichkeit nötig, um die Wirklichkeit zu sein. Wann immer eine Veränderung, eine Entwicklung, eine Richtung beschrieben oder empfohlen wird, ist es etwas anderes als das, wovon ich rede. Jedes Ablegen- oder Annehmen-Müssen, jedes "vom Dings zum Bums" setzt voraus, dass es das hier noch nicht ist und dass noch etwas geschehen muss, eine Bedingung erfüllt werden muss, etwas erkannt werden muss, bevor … Aber es gibt keinen Weg zur Gegenwart. Ichlosigkeit ist Gegenwart.

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16. Wo bleibt die Freude?

Hallo Herr Kruse,

ich habe in den letzten Tagen Ihr Buch gelesen. Das war seit längerer Zeit wieder das erste Buch zu dem Thema der "Ichlosigkeit", das ich in den Händen hielt. Ich las es in erster Linie nicht, um ein Verständnis für das besagte Gebiet zu gewinnen oder zu vertiefen, sondern weil ich Ihre Art sich mitzuteilen als sehr zugänglich empfinde. In letzter Zeit wächst bei mir das Verlangen danach, sich mit irgendjemandem darüber austauschen zu können, der "sieht" (oder wie auch immer man es bezeichnen mag).

Natürlich kann ich nicht wissen, ob Sie irgendein Interesse oder eine Verwendung für meine Mail finden werden. Trotzdem möchte ich mich zum ersten Mal einem anderen Menschen gegenüber darüber mitteilen. Ich habe noch nie einen Dialog mit irgendjemandem zu dem Thema der "Ichlosigkeit" geführt.

Ich gehe nun zu meiner Geschichte über und schreibe so knapp wie möglich einige Geschehnisse auf. Vor einigen Jahren setzte bei mir der Prozess der Suche ein. An diesem Punkt befand ich mich in einer sehr schwierigen und verworrenen Lebenssituation. Ängste, Panik-Attacken und Depressionen gehörten damals zur normalen Tagesordnung. Die Suche nach sich selbst, nach der Wahrheit oder der Realität (es gibt ja viele Bezeichnungen dafür), versprach am Anfang ein Licht am Horizont und eine Trophäe in Gestalt der Harmonie und der inneren Ausgeglichenheit. Im Verlauf der weiteren Zeit stellte sich Ernüchterung ein und es wurde immer deutlicher, dass diese Suche wenig mit Glückseligkeit und Zufriedenheit zu tun hatte. Das Leben wurde noch grausamer und ging mit immer zunehmender Brutalität einher.

Diese Suche verfluchte ich mit zunehmendem Verlauf, und sie erschien mir fast wie eine Art Strafe und lästige Erscheinung, die ich nicht mehr loswerden konnte. Ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab und ich unweigerlich auf irgendetwas zusteuerte. Was es war, wusste ich damals nur in theoretischen Vorstellungen, die ich aus vielen Büchern zu diesem Thema ableiten konnte. Wie schon erwähnt, traf ich nie auf irgendjemanden, der darüber sprach. Ich verbrachte weder Zeit mit echten oder kuriosen Meistern wie Gurus, noch praktizierte ich Yoga oder ähnliche Dinge. Während der gesamten Suche hatte ich nur Bücher zur Verfügung. Die Autoren dieser Bücher waren fast alle (wie soll ich es ausdrücken) echte Findende (viele von ihnen haben Sie in Ihrer Bücher-Empfehlungsliste aufgezählt). Wahrscheinlich ließ diese Tatsache meine Suche sich zeitlich nicht in mehrere Jahrzehnte ausweiten.

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Im Dezember 2007 kam es zu dem Punkt, als plötzlich das "Ich", die Person oder der Verstand (wie auch immer es bezeichnet wird), vollständig verschwand, anscheinend ganz ohne mein Zutun (so wird es ja auch oft beschrieben). Zeitlich betrachtet war dieser Moment eher flüchtig. Die Auswirkungen danach jedoch gravierend. Detaillierte Beschreibungen zu den ganzen Auswirkungen werde ich jetzt überspringen.

Worauf ich insbesondere eingehen möchte, ist (dies war übrigens der ausschlaggebende Grund, warum ich Ihnen schreibe), dass die so oft beschriebenen Nebeneffekte, die mit dem "Erwachen" einhergehen, wie: grenzenlose Freude, Glückszustände, Entzücken oder Ähnliches in meinem Fall fast vollständig ausblieben. Zwar gibt es hier und da auch über solche "Fälle" Berichte, jedoch sehr viel seltener als über positive Nebenerscheinungen.

Nach diesem Verschwinden des "Ichs" herrschte in meinem Fall eine Art Schockzustand, Schrecken und Erschütterung. Auch nach diesem Geschehen setzte sich irgendeine Art von Prozess fort. Ich konnte diesen Prozess nicht mehr genau einordnen. Schließlich war das "Erwachen" bereits geschehen.

Ich gehe jetzt mit meiner Beschreibung über zu noch einem Phänomen, das bei mir in diesem Zusammenhang zu beobachten war. Ich fühlte nach dem (ich nenne es einfach) "Erwachen" insgesamt zwei Mal (direkt danach und etwa 1,5 Jahre später) eine Art Auflösung einer stark zusammengeballten Energie. Ich kann es schwer mit Worten beschreiben. Es kam zu einem Verschwinden von einem verkrusteten und verknoteten Etwas. Das für mich Unerklärliche dabei ist, dieses Empfinden war nicht nur intuitiv erfassbar, sondern sehr deutlich auch körperlich spürbar. Die erste starke Auflösung dieser Art fand in der Bauchgegend statt, während die zweite, die später folgte, sich im Bereich des Kopfes abspielte. Diese Geschehnisse hinterließen nichts als unvorstellbare Leere zurück. Auch das beglückte mich in keiner Weise. Zwar flackert ab und an ein Empfinden des Positiven irgendwo in der Wahrnehmung. Im Allgemeinen herrscht jedoch ein Entsetzen und unterschwellige Angst oder zumindest etwas in dieser Form in meinem Gemütszustand. Es ist schwer, das Ganze konkret zu beschreiben. Denn vordergründig wird immer deutlicher und unwiderruflich klar, dass es DA nichts mehr gibt, keinen Ort, keinen Anker. Jetzt, wo ich das zu Papier bringe, kommt Angst auf. Gleichzeitig ist sichtbar, dass diese Angst nirgends hingehen kann und das erzeugt noch mehr Angst. Da ist einfach nur ein unendliches Loch ohne Boden. Wie können dabei Glücksgefühle oder Ähnliches entstehen?

Dazu kommt noch, dass ich mit diesem "Sehen" total allein bin. Klar, dass es auch keine Anderen gibt. Nur beruhigt mich diese Erkenntnis zurzeit überhaupt nicht. Erstaunlicherweise läuft bei mir, auf der Ebene der Lebensgeschichte, in den letzten zwei Jahren alles so gut wie noch nie in meinem Leben! Soll das etwa die Ironie sein? So nach dem Motto: Die Geschichte hat sich extrem verbessert, nur mit der "Erleuchtung" (oder wie auch immer man das benennen soll) kommst du jetzt nicht klar! Schlimmer noch! DICH gibt es noch nicht einmal mehr.

Ich schreibe Ihnen, lieber Herr Kruse, weil ich es (wie ich glaube) nicht mehr lange aushalte, allein damit zu sein. Ich kann mich mit niemandem darüber unterhalten. Ich habe die Befürchtung, dass ich es nicht richtig in Worte fassen könnte und es nur zu Missverständnissen führen würde. Wie soll man DAS verständlich machen? Es ist völlig unmöglich.

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Da ist also dieses "Erwachen". In meiner Beschreibung heißt das, zu erleben, dass niemand da ist, kein "Ich", das etwas tut. Wenn Sie schreiben: "Das 'Ich' ist verschwunden, DICH gibt es noch nicht einmal mehr …", dann klingt das, als wäre vorher etwas da gewesen – mehr als nur eine Illusion. Was könnte das sein?

……….. (Such-Pause) ……..

Gab es "Sie" früher? Was war das? Ist da wirklich etwas gestorben, was vorher lebendig war? In meinem Fall war klar, dass nur eine verzerrte Sichtweise weggefallen ist, die alles Erleben auf ein imaginäres Zentrum bezogen hat. Auch das war verbunden mit dem Auflösen einer zusammengezogenen Energie, eines "verknoteten Etwas", so wie Sie es beschreiben. Das hat einige Zeit gedauert (ich war mehr als ein Jahr lang ständig krank – was natürlich andere "Gründe" gehabt haben kann, aber sich als Geschichte gut macht). Die "Schock-Erkenntnis" löst energetische Verhärtungen auf. Die Energie verschwindet nicht, sondern wird frei, ungebunden, entwirrt. Dieser Prozess kann anscheinend einige Zeit dauern, ebenso bei den Gedanken, die ja über Jahrzehnte Muster gebildet haben. Denkgewohnheiten laufen jetzt ins Leere, wenn der Bezugspunkt fehlt, der in ihnen vorausgesetzt wurde. Diese Gedanken schlagen Alarm, weil sie die Situation nicht einordnen können, nicht in den Griff bekommen können, keinen Plan entwickeln können … ohne die Illusion, dass es ein Kontroll-Zentrum gibt. Das macht sich als Angst/Panik bemerkbar.

Dabei wird leicht übersehen, dass dieses Kontroll-Zentrum ja immer schon eine Illusion war, ein Aberglauben. Und dass es genau diese Gedanken waren, die das Leben kompliziert und schwierig erscheinen ließen – das Leben, das ja immer schon von selbst lief, ohne dass es jemals jemand im Griff gehabt hätte!

Wenn das erkannt wird, ist das sehr erleichternd – "eigentlich". Aber diese Erleichterung kann eine Zeit lang überlagert sein von der Rest-Energie der "alten" Gedanken und Energiemuster – so wie ein Bügeleisen auch nach dem Abschalten noch eine Weile heiß/warm bleibt, bis es ganz abgekühlt ist. Die Rest-Energie zeigt sich vielleicht als Gedanke, dass etwas nicht stimmt, dass etwas fehlt. Dann erscheint die Leere als Mangel an irgendetwas, statt als Quelle aller Erscheinungen.

Erscheinungen kommen und gehen, so auch die Angst. Sie kann nirgends hingehen? Das tut sie doch oft! Sie schaut mal vorbei, dann geht sie wieder. Oder löst sich auf. Sie kommt aus der Leere und geht in die Leere und ist die Leere, so wie alles andere. Das "unendliche Loch ohne Boden" ist das pure Leben, aus dem alles kommt. Boden ist das, was Sie unter den Füßen sehen: immer da, tragfähig und zuverlässig – für den Körper. Etwas anderes braucht keinen Boden.

Sie können mir gerne jederzeit schreiben, ich antworte Ihnen auch immer gern! Kommunikation kann viel Klarheit bringen. In gewisser Weise sind Sie mit dem Sehen allein, andererseits eben auch nicht. Jede/r sieht aus demselben Nichts, als dasselbe Nichts.

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Hallo Herr Kruse,

ich muss mich einfach für Ihre Rückmeldung auf meine Mail bedanken! Dass diese auch noch so schnell kam, habe ich wirklich nicht erwartet. Ich fand es genial, dass ich das erste Mal ein Feedback zu diesem Thema erhalten habe. Wow!

Während des sogenannten "Erwachens", so wie ich es beschrieb, war tatsächlich das unmittelbare Sehen dessen, dass da nirgends irgendetwas oder irgendjemand, zwischen den phänomenalen Erscheinungen aller Art (einschließlich der Gedanken und Gefühle) und der Wahrnehmung dieser Erscheinungen, vorhanden ist. Mit diesem Sehen ohne einen Sehenden war natürlich unumstritten klar, dass es keinen freien Willen in herkömmlicher Art und kein kontrollgesteuertes Einwirken auf den Lebensverlauf geben kann. In sofern ist Ihre Frage: "Was könnte da mehr als nur eine Illusion vorher gewesen sein?", völlig berechtigt. Natürlich nichts müsste mir einleuchtend sein. Nur war und ist es heute noch teilweise so wie Sie es beschreiben, dass die gewohnten Gedankenmuster noch verzweifelt ihre letzten Runden drehen.

Ihren Ausdruck "illusionäres Kontroll-Zentrum" finde ich irgendwie angenehm im Vergleich zu anderen Bezeichnungen wie: der Verstand, das "Ich" oder das "Ego". Früher erweckten diese Bezeichnungen bei mir das Gefühl, nach dem Erwachen würde das Gehirn seine sämtlichen Funktionen einstellen. Oder der Charakter würde aufhören zu existieren.

Meine Beschreibung, die das "Nichtweggehen" der Angst betrifft, war tatsächlich irreführend. Gott sei Dank ist die Angst nicht statisch und erstarrt nicht zum ewigen Gebilde in der Wahrnehmung. Ich meinte damit viel mehr, dass diese Angst nichts mit sich anzufangen weiß, da es kein Futter mehr zum Analysieren, Auswerten und Zerpflücken der Situation gibt. Und die geliebten Fragen – "Warum und weshalb ist das denn jetzt so, und wie kann ich es verhindern?" – einfach überflüssig geworden sind.

Jedenfalls war die Freude über Ihre Nachricht groß. Ihre Beschreibungen empfand ich als sehr treffend. Vielen Dank! Es ist schön zu wissen, dass es da ein menschliches Wesen gibt, mit dem man zu diesem Thema in Kontakt treten und sich austauschen kann.

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17. Wozu über Nondualität reden?

Eins ist klar: Man kann Nondualität sowieso nicht in Worte fassen. Wozu redet man dann überhaupt darüber?

Tja, was kann man überhaupt in Worte fassen? Den Geschmack einer Erdbeere? Den Anblick von Buchstaben? Wenn man Worte nicht benutzen würde, nur weil sie unzureichend sind, worüber würde man dann überhaupt noch reden? Warum gibt es Liebeslieder und Liebesgedichte, obwohl sie die Liebe, in der sie geschrieben sind, nie erfassen, sondern nur anklingen lassen?

Ein weiterer Punkt (jetzt wieder ganz prosaisch): Worte können Konzepte infrage stellen, die vielleicht die Sicht trüben und zu Verwirrung führen, solange sie nicht hinterfragt sind.

Worte können die Aufmerksamkeit darauf lenken, was hier ist und nicht in Worte gefasst werden kann.


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